Zukunft braucht Herkunft - Wie alles begann.

Jede Entstehung einer Waldorfschule oder auch eines Waldorfkindergartens ist einmalig. Immer sind es konkrete einzelne initiative Menschen, die eine solche Einrichtung wollen. Als 1919 Emil Molt in Stuttgart die erste Waldorfschule gründete und Rudolf Steiner bat, diese einzurichten und das Kollegium zusammen zu rufen und für die Aufgabe auszubilden, war das Motiv, Menschen durch entsprechende Bildung so zu erziehen, dass sie in der Lage sind, die sozialen Fragen der Gegenwart zu ihrem Auftrag zu machen und dazu beizutragen, dass vor allem nach den Wirrnissen und dem sozialen Chaos nach dem ersten Weltkrieg eine menschenwürdige Ordnung entsteht. Andere Waldorfschulen entstehen dort, wo heilpädagogische Lebensgemeinschaften bemerken, dass für die Mitarbeiterkinder eine Schule benötigt wird. Wiederum andere Schulen haben ihren Ursprung in einer Gemeinschaft landwirtschaftlich arbeitender Menschen, die „nebenbei“ die Infrastruktur für erfülltes familiäres Leben schaffen wollen. Jede Schule hat ihren eigenen Hinter- und Motivgrund und es könnten jetzt viele weitere Beispiele für individuelle Ausgangslagen genannt werden.
Wo liegt der Beweggrund, dass 1983 in Hagen die Rudolf Steiner Schule ihre Arbeit beginnen konnte?
Schon seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es den Zweig Hagen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Das heißt praktisch, dass sich seit dieser Zeit regelmäßig Menschen zusammenfinden, um gemeinsam an Fragen des Menschen- und Weltbildes aus einer durch geisteswissenschaftliche Forschung erweiterten Perspektive zu arbeiten. Diese Arbeit anthroposophischer Zweige gibt es in vielen Städten der Welt. Immer wieder sind aus dieser Arbeit Begründungen anthroposophisch orientierter Lebensfelder hervorgegangen wie zum Beispiel pädagogische, heilpädagogische, landwirtschaftliche oder medizinische. Die Hagener Zweigarbeit beschränkte sich, abgesehen von einigen öffentlichen Vortragsveranstaltungen,  immer auf die interne Studienarbeit.
Anfang der 70er Jahre veränderte sich das Bild des Hagener Zweiges insofern, dass dem Kreis der doch immer altersmäßig fortgeschrittenen Mitglieder junge Menschen sich hinzugesellten. Zwei von ihnen, Ulrike Philips, später Ulrike Philips-Saßmannshausen, und Wolfgang Saßmannshausen, waren gleichzeitig auf dem Wege, Waldorfpädagogen werden zu wollen. Diese Situation führte innerhalb der Hagener Anthroposophischen Gesellschaft zu Gesprächen mit der Frage, ob diese Konstellation nicht Grund und Anlass sein könnte, anthroposophisch gegründete Pädagogik in Form von Waldorfkindergarten und Waldorfschule in Hagen zu inaugurieren. Äußerer Ausdruck und erste Form des hierzu getroffenen Entschlusses war die Gründung des Vereins zur Förderung der Waldorfpädagogik Hagen am Himmelfahrtstag 1975 (8. Mai). Alle Gründungsmitglieder waren Mitglieder des Hagener Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft. Einige von ihnen hatten praktische Berührung mit der Waldorfpädagogik, weil sie Eltern vornehmlich in der Waldorfschule Wuppertal gewesen waren oder auch noch waren. Mit diesem Hintergrund wurden damals vor allem Inge und Manfred Schädle aktiv.
Rückblickend ist ein Motiv besonders zu benennen. Die Menschen, die damals den Entschluss fassten, waldorfpädagogisch arbeitende Einrichtungen in Hagen zu begründen, baten sehr junge Menschen aus ihren Reihen, die zu dieser Zeit 22 Jahre alt waren, diese Gründungsarbeit zu leisten. Dass es gelang, in sehr kurzer Zeit Waldorfpädagogik zu einem allseits bekannten Kulturphänomen in Hagen zu machen und letztlich viele Menschen der Politik und nahezu alle Verantwortlichen im Verwaltungsbereich der Stadt als Unterstützer und Sympathisanten zu gewinnen (hier ist besonders der damalige Stadtdirektor Dr. Rudolf Pesch mit Dank zu erwähnen), konnte auch dadurch erheblich unterstützt werden, dass es keinmal geschah, dass das übertragene Mandat, Ausdruck größten  Vertrauens, in Frage gestellt worden ist. Als heute auch als Berater von Kollegien tätiger Mensch weiß ich, wie selten es gelingt, dass eine Menschengruppe wirklich vertrauensvoll einzelnen ein Mandat der Initiative überträgt und auch bei eigenen vielleicht kritischen Fragen völlig dazu steht.
So kann als ein Motiv oder vielleicht ein Patengeschenk bei Begründung des Hagener Waldorfimpulses herausgestellt werden, was menschlich unabdingbare Basis für jede gelingende Pädagogik ist, selbstverständliches Vertrauen in die junge Generation der Zeitgenossen zu haben – nicht als Ideal oder moralische Forderung, sondern als sozial gelebte Praxis.  
Tragende Substanz für ein waldorfpädagogisch arbeitendes Unternehmen bildet sich in der Hauptsache durch die Bewusstseinsqualitäten der aktiven Menschen. Von Anfang an, also seit 1975, wurde regelmäßig die Arbeit an den menschenkundlichen Hintergründen der Waldorfpädagogik und Anthroposophie gepflegt. Für diese Aufgabe entstand eine Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen der Wuppertaler Waldorfschule. Hier sei besonders ein Name genannt, der Kennern der Waldorfpädagogik selbstverständlich ein Begriff ist: Wilhelm Rauthe, Gründungslehrer der Rudolf Steiner Schule Wuppertal und langjährig  Gastdozent in der Waldorflehrerbildung und der Führung des Bundes der Freien Waldorfschulen tätig. Diese über viele Jahre vierzehntäglich stattfindende Arbeit engagierter Eltern und später auch potentieller Erzieherinnen und Lehrer der Hagener Kindergarten- und Schulgründung ist gar nicht hoch genug einzuordnen, und heute noch gebührt den lieben Freunden des Wuppertaler Kollegiums, die zusammen mit dem seit vielen Jahren verstorbenen Wilhelm Rauthe die vorbereitende Arbeit geleistet haben, größter Dank.
Bereits 1977 sah es so aus, als könnte sich in absehbarer Zeit der Gründungsimpuls verwirklichen. Aus dem Waldorflehrer-Seminar in Witten kam eine kleine Gruppe angehender Waldorflehrer zu der Gründungsinitiative hinzu. Die zu dieser Zeit große Idee war, die Hagener Waldorfschule innerhalb des Areals des Freilichtmuseums zu gründen. Prof. Sonnenschein, Leiter des Freilichtmuseums, zeigte Sympathie für diese Idee der Gruppe junger Pädagogen. Wilhelm Ernst Barkhoff, Begründer der GLS Bank in Bochum, zeigte sich in einem Beratungsgespräch äußerst angetan und versicherte persönlich, die junge Lehrergruppe zu unterstützen. Doch dann dauerte alles zu lange, die jungen Pädagogen begannen ihre Lehrertätigkeit in anderen Schulen, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Träger des Freilichtmuseums ließ überhaupt kein Gespräch für die Weiterführung der Idee der Schulgründung im Areal des Freilichtmuseums zu.   
Das große Ziel des Gründungsimpulses aus der Anthroposophischen Gesellschaft war „Waldorfschule“, doch bald war jedem klar, es muss zunächst der Waldorfkindergarten sein. Dieser entstand 1981 in Haspe in der Stephanstraße. Was sind besondere innere Motive dieser ersten waldorfpädagogischen Einrichtungsgründung gewesen, die das „Gesicht“ des Hagener Waldorfkindergartens gestaltet haben? Da ist zunächst eine Facette, die sehr stark durch die äußere Situation angeregt worden ist. Der Kindergarten lag an der damaligen Industriebrache der Hasper – Hütte in einer nicht sehr attraktiven Lage. An der Straße standen noch einige schon verfallene Häuser der ehemaligen Hüttenmitarbeiter. Diese wurden ausschließlich von marokkanischen und türkischen Familien bewohnt. Diese erlebten, wie die erste Elterngeneration des Waldorfkindergartens das Haus und vor allem den Garten herrichtete. Die Kinder waren dabei und spielten in dem langsam entstehenden Kindergarten-garten. Zwischendurch gab es gemeinsames Essen oder Kaffeepausen – eine fast idyllische Situation. Erst zaghaft, dann deutlicher kam nun von einzelnen anwohnenden Familien die Frage, ob ihre Kinder auch in diesen Kindergarten kommen könnten. So begann der erste Hagener Waldorfkindergarten auch mit einigen marokkanischen und türkischen Kindern seine Arbeit – zu einer Zeit, als in kaum einem deutschen Waldorfkindergarten ein Kind aus diesem Kulturkreis war.
Ein anderes Gründungsmotiv wurde konsequent gelebt: Die Finanzierungsfrage hat überhaupt keinen Einfluss auf die Aufnahme und den Kindergartenbesuch. Dies lebte so, dass es keine festgelegten Elternbeiträge gab. Allen war bekannt, welche Summe die Elternschaft für einen ausgeglichenen Haushalt aufbringen muss. Nun musste sich jede Familie selbst einschätzen. Wenn das Geld nicht reichte, ging die Meldung wieder an alle, noch einmal zu prüfen, ob nicht „mehr drin ist“. 15 Jahre wurde dieses Prinzip gelebt, ohne dass auch nur einmal eine existentielle Krise entstand.
Die Nachfrage nach Kindergartenplätzen war so groß, dass bereits 1983 –zeitgleich zur Schulgründung – der zweite Hagener Waldorfkindergarten in Eilpe in der Franzstraße seine Arbeit aufnahm.
Schaut man so zurück, so zeigen sich in der Entstehungszeit Motive, um die zu ringen, es sich heute und in Zukunft weiterhin lohnt.  Zusammengefasst sind solche „Hagener Motive“ am Anfang erkennbar, sie sind quasi der „Hagener Impuls“:

  • Vertrauen in die junge Generation
  • Erziehung und Bildung auf ein spirituelles Verständnis des Menschen gründen
  • Offenheit allen interessierten Menschen gegenüber
  • Ringen um brüderliche Umgangsformen

Einerseits zeigen die Menschen und „die Zeit“, dass gerade diese Motive dringend und von vielen ersehnt sind, andererseits aber auch immer wieder und immer mehr Argumentation gegen sie entsteht. Um in diesem Spannungsfeld den Kurs zu wahren, braucht es Mut und Kraft. Mögen diese auch im vierten und allen weiteren Jahrzehnten der Hagener Waldorfkindergärten und Waldorfschule errungen werden!

    Wolfgang Saßmannshausen

Unser Unterstufengebäude ist mehr als 100 Jahre alt -
Gegründet als „katholische Schule Im Mühlenwerth“

Von Michael Eckhoff

Unsere Waldorfschule besteht in Haspe seit über 30 Jahren. Untergebracht ist sie, wie wir alle bestens wissen, in zwei Gebäuden:

  • südlich der Enneper Straße in der ehemaligen, an dieser Stelle seit 1870 existierenden evangelischen „Stennert-Volksschule“, die lange Zeit – zunächst bis 1968 uns dann ein zweites Mal in den 1980er Jahren (als Hauptschule) - den Namen „Harkort-Schule trug,
  • und nördlich der Enneper Straße in der früheren „katholischen Schule Im Mühlenwerth“, anfangs am Wortende mit „h“ geschrieben.

Während die Stennnert-/Harkortschule im Laufe ihres Bestehens mehrfach ihr Aussehen gewandelt hat, präsentiert sich die einstige katholische Mühlenwert(h)-Schule äußerlich noch weitgehend so, wie sie vor 100 Jahren errichtet worden ist.

Wer mehr über ihre Anfänge wissen will, muss beim Hagener Heimatforscher Paul Schulte nachschlagen. Er schrieb 1937 in seinen „Beiträgen zur Geschichte von Hagen-Haspe“, die Gründung des „katholischen Schulsystems Westerbauer“ falle in das Jahr 1907. Damals seien die ersten zwei katholischen Schulklassen in der seinerzeit neuerrichteten Schule auf der Kipper untergebracht worden. Doch diese beiden Klassen seien recht schnell überfüllt gewesen, weshalb schon bald ein Neubau ins Auge gefasst werden musste.

Architekt aus Dresden

Die nötigen Beschlüsse sowohl der Schuldeputation als auch der Stadtverordneten-Versammlung lagen in der ersten Hälfte 1911 endgültig vor, so dass am 15. Juli 1911 der Architekt Franz Berghold mit der weiteren Planung beauftragt werden konnte. Baumeister Berghold (geboren 1872) stammte aus Dresden, wo er um 1900 mit dem Bau spätgründerzeitlicher Villen bekannt geworden war. Warum die Stadt Haspe den seinerzeit 40-jährigen Architekten mit der Errichtung der Mühlenwert(h)-Schule beauftragte und was ihn damals an die Ennepe führte, ist leider nicht bekannt.

Was wir indes wissen, ist zum Beispiel, dass die Hasper „Turngerätefabrik Karl Schröder“ die „Turngerüste“ für 348 Mark lieferte, dass sämtliche Schränke und Stühle 2651 Mark kosteten und dass die Hagener Firma „Bechem und Post“ die Brausebadanlage fertigte.

Die Fertigstellungsarbeiten schritten - trotz einiger Wetterprobleme - schnell voran und schon nach gut einjähriger Bauzeit konnten die Hasper ihre neue Schule offiziell übergeben – genauer: am 12. Oktober 1912. „Um vier Uhr nachmittags“, berichtet Paul Schulte, „versammelten sich auf dem festlich geschmückten Platze vor der Schule die Mitglieder der städtischen Verwaltung, des Stadtverordneten-Kollegiums, der Schuldeputation, ferner die Lehrerschaft und die Bauleitung nebst den beteiligten Handwerksmeistern und Lieferanten.“ Auch Haspes Bürgermeister Frank, der Hagener Landrat und die Kreisschulinspektoren waren an die Enneper Straße gereist, um an der Einweihungsfeier teilzunehmen, die obendrein durch mehrere Ordensverleihungen angereichert wurde.

Gegründet wurde die Volksschule „Im Mühlenwerth“ mit sieben Klassenräumen, Zeichensaal, Rektorzimmer, Lehrerzimmer und Lehrmittelraum. Im Kellergeschoss befanden sich der Baderaum, die Heizungsanlage, ein Kokskeller und die Wohnung des Hausmeisters. Stolz war man außerdem darauf, dass es auf jedem Stockwerk Toiletten gab („Aborte“). Und „die geräumige Plattform vor dem Lehrerzimmer“ sollte im Sommer „Blumenschmuck tragen“.

Zwei Tage nach der Einweihung bezogen die ersten Kinder ihre neue Schule (per Umzug von der Kipperschule aus). Und schon zwei Jahre später wurde in sämtlichen sieben Klassen unterrichtet.

Quäkerspeisungen

In den darauffolgenden Jahren berichtet die Schulchronik unter anderem von Feiern zu Ehren Kaiser Wilhelms II. oder später zu Ehren des Reichspräsidenten von Hindenburg, von verlängerten Weihnachtsferien (weil es an Kohlen mangelte) und Grippewellen, natürlich von zahlreichen Lehrerwechseln und auch von „Quäkerspeisungen“. Dahinter verbirgt sich jene humanitäre Hilfe, die amerikanische Quäker in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg vor allem in Deutschland leisteten. Offiziell lautet der Begriff „Kinderspeisung“ und galt hauptsächlich Kindern, die durch Schulärzte ausgewählt wurden. Daneben erhielten aber auch besonders bedürftige Menschen, darunter viele Erwerbslose und Ältere, diese Essensausgaben. Die Zahl der Kinder, die in Deutschland bis 1924 eine solche Speisung erhielten, wird auf bis zu fünf Millionen geschätzt.

Ein für uns heute zum Schmunzeln anregendes Ereignis meldet die Chronik aus dem Jahr 1929: Die Schule erhielt am 29. Mai nicht nur einen Flügel, sondern auch „ein Kino-Vorführgerät, ein Rundfunkgerät und ein elektrisches Wandtafellehrgerät“.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Schule offenbar ohne nennenswerte Schäden. Ende der 1960er Jahre kam es zur Auflösung der alten Volksschulsysteme und zur Ausgestaltung der Sekundarstufe I. Die beiden Schulgebäude an der Enneper Straße bildeten fortan gemeinsam die Hauptschule Westerbauer. Doch die wurde schon recht bald nicht mehr benötigt…