"Das Kind in Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen."

Eine Langzeitdokumentation der ersten 8 Jahre an einer Waldorfschule

Die Filmemacherin Maria Knilli überzeugte vor mehr als acht Jahren Eltern, Schüler und Lehrer an der Waldorfschule in Landsberg am Lech davon, dass sie das Leben einer Schulklasse drehen durfte. Entstanden ist eine einmalige, dreiteilige Dokumentation über diese Zeit. Acht Jahre Waldorfschulzeit ganz konkret, lebendig, anschaulich, konzentriert und geweitet zu einem Gesamteindruck. Die drei Teile zeigen den gesamten Entwicklungsweg von der ersten bis zur achten Klasse unter der Leitung von Frau Umbach an der Waldorfschule Landsberg.

Die DVD`s können Sie auf der Webseite www.guten-morgen-liebe-kinder.de erwerben. Ausserdem findet man die Filme zeitlich begrenzt in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks. Darauf verlinken die unten abgebildeten Fotos.

 – oder was Sie schon immer über die Waldorfschule wissen wollten...

Die erste Waldorfschule wurde 1919 von Rudolf Steiner (1861-1925) zusammen mit Emil Molt, Besitzer der damaligen Waldorf Astoria Zigarettenfabrik, für die Arbeiterkinder in Stuttgart gegründet und nach der Fabrik benannt. Mit dieser Schule wurde zum erstenmal das Prinzip sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen verwirklicht. Unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und späterem Beruf erhalten junge Menschen eine gemeinsame Bildung. Als erste Gesamtschule haben die Waldorfschulen das mit dem vertikalen Schulsystem verbundene Prinzip der Auslese durch eine Pädagogik der Förderung ersetzt.

Waldorfschulen stehen grundsätzlich allen Kindern offen - unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft, Weltanschauung und Einkommen der Eltern. Nach ausführlichen Informationselternabenden findet für jedes Kind ein individuelles Aufnahmegespräch an der Schule statt. Auch in höhere Klassen können Schüler*Innen als Quereinsteiger aufgenommen werden.

Waldorfschulen wollen gleichermaßen intellektuelle, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen entwickeln.  Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschüler*Innen zwei Fremdsprachen. Jungen und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und  sägen, hämmern und feilen  zusammen im Werkunterricht. In jeder achten und zwölften Klasse studieren sie ein anspruchsvolles Theaterstück ein und setzen sich in einer großen Jahresarbeit mit einem Thema ihrer Wahl in Theorie und Praxis auseinander. Die Fächer  Gartenbau und Eurythmie sind feste Bestandteile des Lehrplans.

Rudolf Steiner ist der Begründer der Waldorfpädagogik. Emil Molt, Besitzer der damaligen Waldorf Astoria Zigarettenfabrik, gründete mit ihm zusammen die erste Waldorfschule in Stuttgart. Inhalt  und Methode der Waldorfpädagogik beruhen auf Rudolf Steiners Erkenntnissen über die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Neben  der Pädagogik fanden Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Forschungen auch Eingang in die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die  Anthroposophische Medizin und die Kunst.

Nein, die Waldorfschule ist eine Schule für alle Begabungsrichtungen. Die neuere Hirnforschung hat aber eindrucksvoll belegt, dass Kinder und Jugendliche durch künstlerisches üben viele Kompetenzen erwerben, die weit über die unmittelbare Tätigkeit  hinausreichen. Wenn Waldorfschüler*Innen malen, zeichnen, plastizieren oder musizieren, geht es daher vor allem um die Schulung differenzierter Wahrnehmungen und die Entfaltung ihres schöpferischen Potenzials; die Begabungen der einzelnen schüler*Innen werden dabei natürlich berücksichtigt. Waldorflehrer sind bestrebt, den Verstand, die Kreativität und die eigenständige Persönlichkeit ihrer Schüler*Innen gleichgewichtig zu entwickeln.

Nein. Ausdrücklich nein. An Waldorfschulen lernen Kinder aller Begabungsrichtungen wie an den staatlichen Regelschulen auch, nur dass hier  neben intellektuellen Fähigkeiten gleichgewichtig auch soziale und handwerklich-künstlerische Fähigkeiten gefordert und gefördert werden. Die individuelle Förderung von Kindern mit besonderem Assistenzbedarf ist eine wichtige Säule der Waldorfpädagogik, die entweder in Schulen mit einem inklusiven Konzept oder in heilpädagogischen  Förderschulen umgesetzt  wird.

Auch wenn Waldorfschulen in der Unterund Mittelstufe auf Noten verzichten, werden die Schüler*Innen arbeiten selbstverständlich gewürdigt. Anstelle der Noten stehen individuelle Beurteilungen, in denen die Lehrer gleichermaßen auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Lernfortschritte ihrer Schüler*Innen eingehen. Es zählt also nicht allein der Wissensstand, sondern die Gesamtentwicklung in einem bestimmten Zeitraum. Waldorfschüler*Innen lernen von der ersten bis zur zwölften Klasse in einer stabilen Klassengemeinschaft,  unabhängig vom angestrebten Schulabschluss: Niemand wird unterwegs sitzen gelassen.

Da der Waldorfunterricht sehr handlungsorientiert und auf die jeweilige Entwicklungsphase der Schüler*Innen  abgestimmt ist, stellt sich diese Frage  nur selten. Eigeninitiative  entwickeln die Kinder und  Jugendlichen nicht aufgrund von äußerem Leistungsdruck, sondern aus lebendigem Interesse und persönlicher Begeisterung für die vielfältigen Unterrichtsinhalte. Diese gestaltet der Lehrer kreativ und lebensnah, sodass sie sich an der  persönlichen Erfahrungswelt der Kinder orientieren und  ihnen eigene Erlebnisse vermitteln. Waldorflehrer bereiten sich auf diese anspruchsvolle pädagogische Tätigkeit an  eigenen Seminaren und  Hochschulen vor.

Die Praxis zeigt, dass gerade Waldorfschüler*Innen von Ausbildern besonders geschätzt  werden. In einer Schule, die nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten anspricht, entwickeln sich Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Kreativität und die Fähigkeit, prozessual zu denken, vom ersten Schultag an. Umfangreiche Absolventenstudien  zeigen, dass Waldorfschüler*Innen  in allen Studienund Berufsfeldern sehr erfolgreich studieren und arbeiten.

Alle. Da die einzelnen Bundesländer jeweils eigene Schulgesetze haben, gibt es zwar Unterschiede, aber grundsätzlich gilt, dass an einer Waldorfschule die üblichen staatlichen Abschlüsse erworben werden können: Haupt- und Realschulabschluss ebenso wie das  Abitur und meistens auch die Fachhochschulreife. Am Ende des zwölften Schuljahres (an einigen SchulenamEndeder elftenKlasse) bieten zahlreiche  Waldorfschulen einen eigenen Waldorfschulabschluss an,  der ihren Schüler*Innen Gelegenheit gibt, neben den Prüfungsfächern der staatlichen Abschlüsse ihre individuell  erworbenen Kompetenzen zu präsentieren. Das dreizehnte Schuljahr dient in der Regel der gezielten Vorbereitung  auf das Abitur.

Es ist ein Prinzip der Waldorfschule, kein Kind aus finanziellen Gründen abzulehnen. Da aber die Zuschüsse an freie Schulen in allen Bundesländern niedriger sind als jene, die staatliche Schulen erhalten, müssen Waldorfschulen Schulgelder von den Eltern verlangen - obwohl sie erwiesenermaßen besser wirtschaften als Schulen in öffentlicher Trägerschaft. Um dennoch allen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, bilden die Lehrer und Eltern Solidargemeinschaften, die zwar an jeder Schule etwas anders ausgestaltet sind, sich aber immer darum bemühen, die unterschiedlichen finanziellen  Möglichkeiten der Familien auszugleichen.

Der Begriff „freie Schulen“ bedeutet nicht, dass es keine Regeln gibt, sondern dass diese Schulen eine weitgehende pädagogische Autonomie haben. Waldorflehrer*Innen bauen in der Unterstufe ein von „liebevoller Autorität“ geprägtes Verhältnis zu ihren Schüler*Innen auf. Kinder suchen ihre Grenzen. Nur wenn sie Grenzen von den  Erwachsenen erfahren, fühlen sie sich einerseits sicher und erleben sich andererseits als eigene Persönlichkeit. Im Laufe der Schulzeit wandelt sich das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden immer mehr zu einer umfassenden Lernpartnerschaft.

Inzwischen ist wissenschaftlich gut erforscht, dass eine vertrauensvolle Beziehung  die wichtigste Basis für das Lernen ist.  So können Kinder sich in einer Gemeinschaft, die von Beständigkeit und Rhythmus geprägt ist, gut und gesund entfalten. Um ihnen darin eine verlässliche Stütze zu sein, begleitet ein Waldorf-Klassenlehrer „seine“ Klasse nach Möglichkeit sechs bis acht Jahre lang und unterrichtet jeden Morgen mindes  tens die ersten beiden Stunden eines Schulvormittags.  In wechselnden „Epochen“ bringt er den schüler*Innenn jeweils über mehrere Wochen den Stoff unterschiedlicher Themengebiete nahe. Dabei lernt er seine schüler*Innen sehr gut kennen und kann individuell auf ihre Stärken und Schwächen eingehen.

Während der ersten beiden Stunden eines Schulvormittags arbeiten die Schüler*Innen über mehrere Wochen intensiv an jeweils einem Fachgebiet. So haben die Schüler*Innen zum Beispiel drei Wochen lang jeden Morgen zwei Stunden Mathematik, Geografie, Deutsch,  Geschichte oder ein anderes Hauptfach. Nach einigen  Wochen wechselt der Inhalt der Epoche zu einem anderen Thema, sodass die schüler*Innen  sich intensiv damit verbinden. Grundfertigkeiten wie Rechnen oder Schreiben festigen die Schüler*Innen über den Epochenunterricht hinaus in fortlaufenden Übstunden. Im Anschluss an den Epochenunterricht übernehmen Fachlehrer den Unterricht in Sport, Fremdsprachen, Eurythmie, Religion, Musik und in den handwerklich-künstlerischen Fächern.

Klassenlehrer decken an einer Waldorfschule tatsächlich ein großes Spektrum an Fächern ab. In besonderen Ausbildungswegen, die sie in einem Vollstudium oder postgraduiert  im Anschluss an eine wissenschaftliche Ausbildung an einem der Seminare im Bund der Freien Waldorfschulen oder an einer Hochschule mit Waldorfqualifikation durchlaufen, werden sie gezielt darauf vorbereitet. Für Klassen-, Fachund Oberstufenlehrer gilt gleichermaßen, dass ihre Ausbildung mindestens gleichwertig zur staatlichen Ausbildung sein muss. In der Unterund Mittelstufe liegt der Schwerpunkt  allen Lernens nicht nur auf  der Vermittlung reinen Fachwissens, sondern es geht auch darum, den schüler*Innenn eine lebendige, erfahrungsgesättigte Beziehung zu den Lerninhalten zu ermöglichen. So kann Lernen Freude machen - ein Leben lang.

In der Oberstufe unterrichten in allen Fächern akademisch beziehungsweise handwerklich ausgebildete Lehrer die Jugendlichen.  Die praktischen Fähigkeiten, die die schüler*Innen sich über die gesamte Schulzeit hinweg angeeignet haben, finden von der achten Klasse an Ergänzung durch diverse Praktika: In einem Landwirtschaftsund einem Forstpraktikum, einem Feldmess-, einem Betriebsund einem Sozialpraktikum erhalten die schüler*Innen eine ausgesprochen lebensnahe Ausbildungsgrundlage. Dabei liegt der eigentliche Sinn der Praktika nicht in der Berufsfindung, sondern vor allem im Erüben wichtiger sozialer Fähigkeiten.

Es ist richtig, dass diese  Aktivitäten zusammen mit dem Lernpensum in manchen Schuljahren eine Doppelbelastung für die Schüler*Innen bedeuten. Die Erfahrung zeigt  jedoch, dass die Prüfungsleistungen hierunter nicht leiden. Denn die durchschnittlichen Abschlussnoten der Waldorfschüler*Innen liegen mindestens auf dem gleichen Niveau wie bei Schüler*Innenn von staatlichen Schulen.

Die von Rudolf Steiner entwickelte Anthroposophie ist eine Erkenntnishilfe für die Lehrer, zu keinem Zeitpunkt aber ist sie Gegenstand des Unterrichts.  Da die Waldorfschule eine überkonfessionelle Schule ist, entscheiden zunächst die Eltern, welchen  Religionsunterricht ihr Kind besuchen soll. Später entscheiden die Jugendlichen  das dann selbst.

Eurythmie (wörtlich: guter, auch schöner Rhythmus) ist eine Bewegungskunst, die  an Waldorfschulen in allen Klassen unterrichtet wird.  Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen oder tänzerischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Sprachlaut und jeden Ton eine ganz bestimmte Gebärde - es handelt sich also  um sichtbar gemachte Sprache und Musik. In der Lauteurythmie stellen die schüler*Innen zum Beispiel dar, was in einem  Gedicht an Lauten lebt, und in der Toneurythmie, was in den  Tonintervallen einer musikalischen Komposition lebt.

Der naturwissenschaftliche Unterricht stützt sich zwischen dem vierten und achten Schuljahr auf das präzise Beobachten biologischer, physikalischer und chemischer Phänomene und auf das selbstständige Entdecken der jeweiligen Gesetzmäßigkeiten. Vom 9. Schuljahr an treten abstrakte Modellvorstellungen und die Begriffsbildungen der modernen Naturwissenschaften in den Vordergrund, wobei weiterhin ein ergebnisoffener, forschender, auf eigenen Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen beruhender Unterricht praktiziert wird. Eine in Österreich durchgeführte PISA-Studie zu den  Naturwissenschaften bescheinigte Waldorfschüler*Innenn weit überdurchschnittliche naturwissenschaftliche Kompetenzen und führte dies ausdrücklich auf die als vorbildlich bezeichneten phänomenologischen Unterrichtsmethoden zurück.

Medienpädagogik ist fester Bestandteil im Lehrplan der Waldorfschulen. Sie beginnt zunächst als eine „indirekte Medienpädagogik“, bei der die jüngeren Kinder die Welt mit allen Sinnen erfahren und sich kreativ und fantasievoll anhand unterschiedlicher Materialien mit ihr auseinandersetzen. Dabei entwickeln sie ihre Urteilsfähigkeit, die eine notwendige Voraussetzung für den selbstständigen Umgang  mit digitalen Medien ist. Diese werden nach umfassenden Erfahrungen mit analogen Medien Schritt für Schritt in den Unterricht eingeführt, wobei neben der praktischen Handhabung vor allem ein echtes Verständnis der technologischen Grundlagen und Funktionsweise des Internets wichtig wird, was in der Oberstufe bis zur Reflexion der weltweiten gesellschaftlichen Wirkungen dieser Technologien reicht.

In Deutschland gibt es fast überall eine Waldorfschule in erreichbarer Nähe - aktuell (Nov. 2016) sind es 238, aber Neugründungen kommen in jedem Jahr dazu. Auf waldorfschule.de finden Sie die Schulen in Ihrer Nähe. Jede Waldorfschule wird sich darum bemühen, Waldorfschüler*Innen nach einem Umzug aufzunehmen. Ein Wechsel von und zu staatlichen Regelschulen bedeutet zwar eine Umstellung, ist aber möglich und keine Seltenheit. Falls Sie ins Ausland ziehen wollen: Weltweit gibt es - mit deutlich steigender Tendenz - weit über 1.200 Waldorfschulen. Damit sind die Waldorfschulen die größte überkonfessionelle und nicht staatliche pädagogische Bewegung der Welt.