Der Unterricht an unserer Schule

Einschulung und 1. Klasse
Im Leben eines Waldorfschülers nimmt "sein" Klassenlehrer gewiss einen besonderen Platz ein. Er wird von ihm jeden Tag in den allgemeinbildenden Fächern unterrichtet, und im Idealfall bleiben sie acht Jahre lang zusammen. So darf man im wahren Sinn des Wortes von einer "Klassenführung" sprechen, begleitet man doch diese Kinder von der Kindergartenzeit bis zum Beginn der Jugend. Allein dies zeigt schon recht deutlich die große Aufgabe des Klassenlehrers, wird doch durch ihn wesentlich die Sicht in die Welt geprägt.
Das beginnt schon im ersten Schuljahr, in dem einerseits im Formenzeichnen mit der Geraden und der Krummen zwei wesentliche Formprinzipien kennen gelernt werden, andererseits aber das Formen der neuen Klassengemeinschaft noch im Gange ist. Diese untergründige Aufgabe überwiegt die Wissensvermittlung in der ersten Zeit bei Weitem, und sie wurde in den letzten Jahren wichtiger und anstrengender. Wie viele kleine Sozialisationsaufgaben werden für die Kinder unbewusst durch Bewegungs-, Sing- und Rollenspiele geleistet. Wie oft aber auch müssen Mitschüler und Erzieher fehlende Geschwister oder Elternteile ergänzen. Da kann es leicht geschehen, dass im Erleben der Kinder das Erlernen der Buchstaben, das erste Schreiben und Lesen im Hintergrund bleiben. Dabei wird in der ersten Klasse gerade hier auf eine sehr bildhafte und das Gemüt ansprechende Methode Wert gelegt. Im Unterrichtsfortschritt wird deshalb ein langsameres Tempo angeschlagen als in einer vergleichbaren Grundschule.
Mit den Zahlen und erstem Rechnen runden sich die Tätigkeiten des Hauptunterrichts am Morgen schon ab. Viel Zeit und Kraft werden auf die Pflege der Jahreszeiten und -feste verwandt. Man versucht, die Fähigkeiten der Kinder dort aufzugreifen, wo sie seelisch gerade gut angelegt sind: In der Nachahmung und in einem spielerischen, fast noch träumenden, märchenhaften Umgang mit der Welt.
Von Anfang an sind Englisch, Russisch, Handarbeit, Eurythmie und Spielturnen eigene Fächer, dazu konfessioneller oder frei-christlicher Religionsunterricht.

Die 2. Klasse
Die Themen aus der ersten Klasse werden nun deutlich erweitert und verfeinert. Mit den kleinen Druckbuchstaben kann nun das Lesen und Schreiben umfassender geübt werden. Im Rechnen werden die Grundrechenarten angelegt und die Reihen des Einmaleins gelernt. Ist die Klassengemeinschaft "gut beieinander", kann man schon ein Weihnachtsspiel o. ä. wagen

Die Schüler und Schülerinnen der ersten und zweiten Klasse unserer Schule haben seit etwa 10 Jahren eine vorgezogene Hofpausenzeit. Strömen die Schüler und Schülerinnen der Klassen 3 bis 7 um 9:45 Uhr auf den Schulhof des Unter- und Mittelstufengebäudes, begeben sich die Erst- und Zweitklässler, angeführt von ihrer Klassenlehrerin, wieder in ihre Klassenräume. Sie konnten sich draußen austoben und Kraft für den anschließenden Fachunterricht sammeln. Im Klassenraum wartet bereits die Spachlehrerin auf sie.

Die Veränderung der Pausenzeit war eine pädagogische Antwort, welche bei der Erarbeitung eines neuen Unterstufenkonzeptes entstand. Eine Antwort auf die Frage der Lehrer und Lehrerinnen der Unter- und Mittelstufenkonferenz: Wie können wir die Unterrichtszeit im Sprachunterricht effizienter nutzen und so gestalten, dass sie den Bedürfnissen der Kinder entgegenkommt? Die Sprachlehrerinnen schilderten, dass sie in der dritten Klasse 45-minütige Unterrichtsstunden als sinnvoll erachten, da die Kinder neben Liedern, Sprüchen und Sprachspielen auch das Schreiben der fremden Sprache lernen, in Klasse 1 und 2 jedoch würde eine Unterrichtseinheit von 20 Minuten genügen, da noch nicht im Heft gearbeitet werde. Da allen Lehrern und Lehrerinnen der Konferenz klar war, dass ein täglicher, also rhythmisch stattfindender epochaler Sprachunterricht das Beste wäre, gab es folgende Umgestaltung: Klasse 1 erhält täglich 20 Minuten Englischunterricht bis 10:05 Uhr; Klasse 2 parallel dazu Russischunterricht. Nach vier Wochen wird gewechselt.

Da durch diese Regelung der Klassenlehrerin jedoch genau die Zeit des Hauptunterrichts genommen und zur Hofpause umfunktioniert wurde, in der bislang der Erzählteil am Ende lag, erhielt jede Klasse eine tägliche Abschlussstunde im Anschluss an den letzten Fachunterricht des Tages, um den Erzählteil realisieren zu können. Es zeigte sich bald, dass mit der Einführung der Abschlussstunde noch etwas gewonnen wurde: Viele Pausenstreitereien oder andere Probleme konnten mit der Klassenlehrerin besprochen werden, bevor die Kinder nach Hause gehen. Ein weiterer Vorteil der vorgezogenen Pausenzeit der Erst- und Zweitklässler ist der, dass die Kleinen den Schulhof in der großen Pause für sich allein haben, sich in einer geschützten Athmosphäre bewegen, Kleingeräte wie Seilchen oder Diabolo mitnehmen können und die ihnen vertraute Klassenlehrerin in jeder Hofpause als Ansprechperson präsent ist.

Die vorgenommenen Änderungen haben sich im Laufe der Jahre sehr bewährt; die Klassenlehrer und -lehrerinnen möchten sie nicht mehr missen!

Die Epochen der Klasse 3 sind geprägt durch den Sachkundeunterricht. Im Laufe des Schuljahres lernen die Kinder die verschiedenen Handwerksberufe kennen. Dabei geht es darum, dass sie erleben, wie der Mensch durch die Geschicklichkeit und Kraft seines Körpers das Leben meistern kann. Ein ganz wichtiges Fazit der Handwerker-Epoche ist es, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aus dem Erleben der eigenen Fähigkeiten zu schöpfen.

Zur Karnevalszeit bietet sich dann eine schöne Gelegenheit einmal Handwerker zu sein. Und so war auch in diesem Jahr die Karnevalsfeier der Drittklässler von Handwerksberufen geprägt. Unter dem Motto „Wer will die fleißigen Handwerker sehn'“ feierten sie ein zünftiges Handwerkerfest und präsentierten sich selbst in unterschiedlichen Berufstrachten.

Später im Schuljahr besuchten sie dann noch zwei Mal als Kulturstrolche das Hagener Freilichtmuseum und tauchten dort in das Handwerk des Schmieds und des Papiermachers ein. Aus heißem Eisen schmiedeten die Kinder Nägel und in der Papiermühle schöpften sie feines Büttenpapier.

Vom „Korn zum Brot“ könnte man die sich anschließende Ackerbauepoche der Klasse 3 bezeichnen. Doch es geht um wesentlich mehr. Ausgangspunkt ist der Erzählstoff, der in dieser Klassenstufe grundlegendes beinhaltet: Das alte Testament.

Die Kinder hören von der Erschaffung der Welt, von Adam und Eva, vom Paradies und von der Vertreibung daraus. Diese mythischen Bilder spiegeln aus waldorfpädagogischer Sicht das Stadium des Entwicklungsprozesses wider, in dem sich das Kind um das neunte Lebensjahr befindet, wenn es den „Rubikon“ überschreitet. In dieser Zeit bekommt das Kind ein neues Verhältnis zu sich selbst und zur Welt. Es erlebt die Welt und die Dinge darin mit stärkerer innerer Empfindung und es fängt an, sich deutlicher in der Welt zu erleben, bzw. das Ich und die Welt voneinander zu trennen. Aus diesem Grunde ist naturkundliches Lernen gerade zu diesem Zeitpunkt sinnvoll. Denn naturkundliches Lernen heißt, das Leben in der Welt wahrnehmen und daran die eigenen Sinne schärfen.

Vor diesem Hintergrund folgt die Ackerbauepoche in der die Kinder von der Arbeit des Bauern erfahren.

Bei ihrer Klassenlehrerin Miriam Duschek wurde dies alles bildhaft-anschaulich im Unterricht geschildert. Die Kinder fertigten wunderbare Bilder, Texte und Aufsätze in ihren Epochenheften an.

Normalerweise geht es dann so weiter: Die Kinder gehen nach draußen in die Natur und erleben die Arbeit des Bauern auf dem Feld. Da in diesem Jahr aber der Frühling einfach nicht kommen wollte und es bis weit nach den Osterferien winterlich kalt blieb mit Frosttemperaturen im Boden, konnten die Kinder keine Frühjahrssaat ausbringen. Erst im Herbst werden sie aufs Feld bei Hof Sackern gehen und leibhaftig pflügen, eggen, säen und ernten. Dabei werden sie am eigenen Leib erfahren,wie hart die Arbeit an „Mutter Erde“ ist.

Doch die diesjährigen Drittklässler ließen sich im Frühjahr vom Wetter nicht beirren und übten stattdessen in der Schule den Ackerbau als kleines Theaterstück ein und führten es den Eltern und Freunden im Pavillon als Ackerbauspiel vor.

Wenn es dann im Herbst aufs Feld geht, sind die Kinder bestens eingestimmt.

Das war es aber noch längst nicht mit dem praktischen Arbeiten in der 3. Klasse. Eine Hausbauepoche rundete das Schuljahr eindrucksvoll ab. Im Hauptunterricht lernten die Kinder aus der Geschichte des Hausbaus, wie anders Häuser früher aussahen, wie unterschiedlich andere Völker wohnen und sie lernten auch alle Stationen des heutigen Bauens kennen. Schließlich durften sie über einen Zeitraum von 4 Wochen selbst ein kleines Häuschen bauen. Sensationell waren die Ergebnisse – lauter Kunstwerke waren da zu sehen. Sie verwandelten den Klassenraum zum Infotag am 8. Juni 2013 im Anschluss an die Monatsfeier in einen Ausstellungssaal.

Zusammen mit einigen Eltern der Klasse und der Klassenlehrerin arbeiten die Kinder nun noch bis zu den Sommerferien an einem „richtigen“, großen Haus, das als Spielhaus der OGS dienen soll. Dabei lernen sie noch etwas ganz wichtiges: wie viele Handwerker gemeinsam an einem solchen Werk arbeiten müssen und wie dabei jeder auf den anderen angewiesen ist.

Ein Schuljahr, das zusammenschweißt!

Birgit Andrich

Im Laufe des 3., gelegentlich auch zu Beginn des 4. Schuljahrs ergibt sich für die Kinder eine etwas ungewöhnliche Beschäftigung. Sie bauen, meist auf dem Schulgelände, irgendeine Behausung. Die Palette reicht dabei von eher luftigen, aus Pflanzen geflochtenen Hütten über Lehmhäuschen oder kleine Fachwerkbauten bis hin zu gemauerten Kleingebäuden. Oft stehen die fertigen Projekte im Pausenbereich zum Spielen zur Verfügung, oder sie dienen anderen Zwecken im Schulzusammenhang. Im Idealfall errichten die Kinder diese Bauwerke unter entsprechender Anleitung und Hilfe weitgehend selbst.
Vorausgegangen ist diesem Bauprojekt eine Beschäftigung mit anderen, zum Teil ebenfalls praktisch ausgeführten Arbeiten wie dem Feld- und Gartenbau oder ausgewählten Handwerken. Allen diesen Themen gemeinsam ist dabei die in die Naturumgebung eingreifende, umgestaltende und pflegende Tätigkeit des Menschen. Von außen betrachtet lassen sich diese Unterrichtsprojekte alle dem Bereich „Sach- und Lebenskunde“ zuordnen. Leider erschöpft sich mit dieser Einschätzung oft weiteres Interesse am Hintergrund solcher Lerninhalte. Die Waldorfkinder machen eben „mehr praktisch“, und ein Zusammenhang mit der besonderen Situation im 9./10. Lebensjahr wird kaum wahrgenommen.
Es vollzieht sich jedoch in dieser Lebenszeit ein grundlegender Wandel des menschlichen Bewusstseins. Das gesamte Lebensumfeld wird recht plötzlich nicht mehr als selbstverständlich und sinngebend erlebt. Mit steigendem Selbstbewusstsein im Denken und Fühlen sieht sich das Kind jetzt einer Welt gegenüber, die in viel stärkerem Maße hinterfragt werden kann. Regeln und Bedingungen werden auf ihre Bedeutung und Berechtigung hin geprüft. Eltern und Lehrer haben ihre Führungsrolle neu unter Beweis zu stellen. Auf der anderen Seite entstehen Einsamkeitserlebnisse, denen sich die zuvor mit der Welt eins fühlende Seele ausgesetzt sieht. Dieser Umschwung vollzieht sich oft in einem kurzen Zeitraum von einigen Wochen bis Monaten. Er ist, wie alle Entwicklungsschritte in der menschlichen Biographie, individuell und prägt sich unterschiedlich stark aus. Zu beobachten ist er jedoch durchgängig an allen Kindern. Im Verhältnis zu der später einsetzenden (und größeren Wirbel verursachenden) Pubertät wird er in der pädagogischen Literatur meist weniger berücksichtigt. Es braucht Beobachtung und Einfühlungsvermögen, die „merkwürdigen“ Veränderungen im Verhalten des Kindes bis in die sprachliche Ausdrucksweise hinein zu interpretieren.
Rudolf Steiner war die Bedeutung dieses Entwicklungsschritts so wichtig, dass er in seinen Lehrerkursen dafür den Begriff „Rubikon“ wählte. Damit nahm er Bezug auf die Lebenssituation Cäsars, der mit seiner XIII. Legion vor dem italienischen Fluss Rubikon stand und eine weitreichende Entscheidung zu treffen hatte. Überquerung bedeutete Machtkampf und unter Umständen Krieg gegen die eigene Vaterstadt Rom, Verharren aber das Ende seiner Karriere. Cäsar folgt dem eigenen biographischen Stern („alea iacta est“) und marschiert gegen Rom. Er weiß, dass die Folgen dieser riskanten Entscheidung unumkehrbar sind. Für ihn wie auch das römische Reich beginnt damit ein neues Zeitalter. Ähnlich radikal verlässt das Kind in dem genannten Alter vertrautes Terrain und begibt sich auf den Weg in eine zunächst unsichere Zukunft. Die wachsenden intellektuellen wie emotionalen Kräfte suchen jetzt Aufgaben, an denen sie sich schulen und bewähren können. Das Motiv der Erziehung besteht hier wie auch überhaupt darin, entsprechende Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Neben neuen Inhalten und Methoden in den anderen Fächern sind es vor allem die in der 3./4. Klasse durchgeführten Projekte, die diesem Ziel gewidmet sind. Dabei werden die genannten Themen eben nicht nur aus sachkundlichen Erwägungen heraus gewählt. Sie stehen in einem inneren Zusammenhang mit dieser besonderen Entwicklungszeit. In der Kulturgeschichte der Menschheit weist das Auftreten des ersten Ackerbaus hin auf einen entscheidenden Wechsel menschlicher Lebensform. Die noch stark von den natürlichen Gegebenheiten bestimmte Lebensweise der wandernden „Jäger und Sammler“ wird durch gezielte Umgestaltung der Erde abgelöst. Es muss Wald gerodet und Anbaufläche geschaffen werden. Das geht nicht ohne entsprechende Werkzeuge und Gerätschaften, für deren Herstellung Handwerke entstehen. Die Züchtung der Nahrungspflanzen und Nutztiere wird betrieben. Dies alles ist nur möglich in einer sesshaften Lebensform und entsprechender Behausung, die Schutz und Arbeitsmöglichkeit auch im Winter bietet. An den unterschiedlichen Formen menschlicher Häuser wird diese Entwicklung besonders deutlich. Aus Laub oder Zweigen geflochtene erste Hütten wie auch Zelte aus Tierhäuten weisen noch auf eine enge Verbindung mit der umgebenden Natur hin, die sich auch in der Lebensweise der betreffenden Völker ausdrückt. Holz-, Lehm- und Steinbau führen schließlich zu festen Wohnungen, zunächst noch gemeinsam mit den Nutztieren. Schließlich findet sich der „moderne“ Mensch in einem Haus wieder, dessen Ausstattung ihm bei Bedarf größte Absonderung und Unabhängigkeit von der natürlichen Umgebung ermöglicht. Diese kulturgeschichtliche Ausprägung menschlicher Bewusstseinsentwicklung spiegelt sich bei entsprechender Beobachtung in jeder einzelnen Biographie wieder. Die geschilderte Abgrenzung gegenüber der Umwelt erweist sich als erster deutlicher Schritt hin zu Selbständigkeit und freier Urteilskraft, aus der heraus das Leben gestaltet werden kann. Diese Entwicklung erfährt im 9./10. Lebensjahr einen deutlichen, erstmals auch persönlich gefärbten Impuls. Eine Grenze wird überschritten. In den besonderen Projekten der 3./4. Klasse nutzen die Kinder nicht nur äußerlich ihre neuen Möglichkeiten, sie arbeiten dabei auch inhaltlich an Themen, die diesem Schritt kulturgeschichtlich entsprechen. Diese Übereinstimmung wirkt stabilisierend und aufbauend. Inneres und Äußeres werden als stimmig erlebt, in der auch schmerzhaften Erfahrung der Vereinzelung werden neue Ziele sichtbar. Die Welt kann von mir ausgehend sinnvoll gestaltet werden! Wenn dies auch noch nicht vollbewusst erfahren und formuliert wird, so spricht doch die Begeisterung und Arbeitsbereitschaft für sich, mit der in aller Regel bei solchen Projekten gerechnet werden kann. So bilden primär menschenkundliche Erwägungen den eigentlichen Ausgangspunkt für die geschilderten Unterrichtsprojekte. Dass viele Kinder dabei auch lernen, wie man mit der Spitzhacke umgeht, Beton mischt oder Nägel richtig einschlägt, ist natürlich eine willkommene Begleiterscheinung. DAS BIENENHAUS - EIN BEISPIEL Im vorigen Schuljahr konnte die jetzige 4. Klasse die an unserer Schule gehaltenen Bienenvölker näher kennen lernen. Neben den „klassischen“ Haustieren genießt dieser faszinierende Tierorganismus nicht immer die Aufmerksamkeit, die ihm zukommt. Und so fand zum Schuljahrsende eine zweiwöchige „Bienenepoche“ statt. Diese wäre nicht möglich gewesen ohne die tatkräftige Hilfe des „Bienenteams“ an unserer Schule. Insbesondere Herr Heinzemann opferte zahlreiche Stunden, um mit den Kindern in Kleingruppen am offenen Bienenstock zu arbeiten und auf die bemerkenswerten Eigenschaften des „Biens“ aufmerksam zu machen. Erstaunlicherweise kam es bei den zahlreichen Besuchen mit über 30 Kindern zu keinem einzigen Stich. In dieser Epoche entstand die Idee für das Hausbau-Projekt. Die Bienenstöcke standen zu dieser Zeit einfach auf dem Erdboden, eine Pflege war nur bei regenfreiem Wetter möglich. Auch konnten ohne Überbau keine Hängekörbe verwendet werden, eine Stockform, in der die Bienen ihre natürliche Nestform bauen können. Zudem kommt ein vom Boden abgesetzter, höherer Standort der Lebensweise der Bienen in Baumhöhlen entgegen. Zu Beginn des 4. Schuljahrs wurde daher mit den Kindern ein „Bienenhaus“ entworfen, das die Lebensbedingungen der Tiere verbessern sollte. Naturgemäß musste es ein zur Natur hin geöffnetes Gehäuse sein, das Trockenheit, leichte Begehbarkeit für die Imker und Raum für zusätzliche Völker bieten sollte. Im ersten Teil der Epoche kamen die Voraussetzungen für einen solchen Bau zur Sprache, angefangen bei der Frage des Standorts, den erforderlichen Fundamenten und der frostfreien Gründung, dem Mauern sowie dem Holz-Aufbau. Bei der Planung wurde versucht, die notwendigen Arbeit so vorzubereiten, dass möglichst viel von den Kindern selbst getan werden konnte. Dazu wurden vier Streifenfundamente vorgesehen, auf die nach dem Ausbetonieren Mauerstreifen gesetzt wurden. So war mit jeweils einer halben Klasse das gleichzeitige Arbeiten von 16 Kindern in 4 Gruppen möglich. Das Ausschachten und Betonieren verschlang den größten Teil der Arbeitszeit, der vermeintlich gewachsene Boden stellte sich als Sammelplatz hunderter großer und kleiner Feldsteine und Klinker heraus, die mühsam heraus befördert werden mussten. Auch das Betonieren und Mauern wurde nach kurzer Einweisung von den Kindern selbst durchgeführt. Am Ende waren lediglich beim Aufständern des Balkenwerks sowie des Daches aus Sicherheitsgründen helfende Erwachsene notwendig. Auf eine eigentlich wünschenswerte klassische Verbindungstechnik des Balkenwerks mit Schlitz und Zapfen wurde verzichtet, diese hätten die Kinder alleine nicht ausführen können. Das Verbinden mit Hilfe von Winkel-Beschlägen bot demgegenüber reichlich Möglichkeit zum Nageln-Üben. Das Fertigstellen des Holzwerks ging zum Schluss schnell vonstatten. Nach den Herbstferien konnten dann die Bienenvölker ihre neue Behausung in Besitz nehmen. Das Bauprojekt „Bienenhaus“ wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung einer ganzen Reihe von Menschen: für das Bienenteam vor allem Herr Heinzemann & Familie Keßler Herr Hoppe und die Zimmerei Rode in Hagen, die das gesamte Holz unentgeltlich zur Verfügung stellte mehrere Klasseneltern lieferten Betonmischer und Baubeschläge, weitere halfen beim Aufstellen des Balkenwerks die Gärtnerei Rosenkranz stellte das gesamte Werkzeug für den Aushub zur Verfügung das Küchenteam sorgte ständig für Tee und servierte zum Abschluss des Projekts Honigeis Durch diese Unterstützung mussten lediglich die Materialien für die Fundamente (Sand, Kies, Zement), Klinker und Maurermörtel gekauft werden. Die Bausumme blieb so knapp unter 400,- Euro. Gerd Klein-Engelen

Die 3. Klasse

Wenn das Kind neun Jahre alt wird, vollzieht sich ein entscheidender Umbruch in seinem Weltverhältnis: Aus Mitwelt wird Umwelt. Nach einer Äußerung Rudolf Steiners nennt man diesen Schritt, der sich im Allgemeinen ereignet, wenn Kinder älter als 9 Jahre alt geworden sind, das „Überschreiten des Rubikon“, in Anlehnung an Cäsars große Entscheidung an dem Norditalienischen Flüsschen Rubikon. Mit den „Rubikon“ wird ein Schritt gemacht, der nur vorwärts gemacht werden kann: Die alte Vertrautheit mit den Menschen der Umgebung verliert sich. Die erste Phase der Kindheit ist abgeschlossen. Wenn nun die Drittklässler beginnen, die Dinge und Menschen wie von außen, als etwas, dem eigenen Ich Gegenüberstehendes zu sehen und sich nicht mehr, wie vorher noch als völlig mit der Umwelt verbunden und mitschwingend zu fühlen, erwacht eine ganz neue Ich-Kraft. Sie können zum Beispiel beim Kanonsingen – ebenso Lehrinhalt der 3. Klasse in Musik – ihre Melodie halten, auch wenn der Nebenstehende an anderer Stelle singt. Aber das neue Erleben des Alleinstehens kann auch Einsamkeitsgefühle, Ängste und Unsicherheiten hervorrufen. Aus dieser Einsamkeit und des sich-vom-Anderen-getrennt-Fühlens entsteht manchmal auch nun der Hang zu Unehrlichkeiten, kleinen Lügen oder gar zum Klauen; man kann ja nun den anderen täuschen, da er als außen vor - und nicht mehr als in einem drinnen stehend empfunden wird. Dies alles erinnert an die Vertreibung aus dem Paradies.
Wo finde ich meinen Zusammenhang mit der Welt?
Die Sachkundeepochen im Lehrplan der 3. Klasse machen dem Kind ein Stück der Welt, die es um sich herum vorfindet, verständlich. Betrachtet man diese Epochen von außen, mag es merkwürdig erscheinen, den Kindern zum Beispiel das Mauern beizubringen oder aber warum ein Mensch im 21. Jahrhundert noch mit eigener Kraft und ohne Maschinenhilfe pflügen, eggen und säen und etwas vom alten Handwerk verstehen sollte, das in dieser Form meist gar nicht mehr ausgeführt wird. Auch das Kennenlernen der Inhalte des Alten Testaments scheint ebenso nicht mehr der Zeit, in der wir leben, zu entsprechen.
Schauen wir auf den von Rudolf Steiner gegebenen Lehrplan für die dritte Klasse, so müssen wir uns bewusst machen, dass es nicht die Absicht der Waldorfpädagogik ist, Informationen in unsere Kinder hineinzupacken, die sie später unverdaut wieder hinausgeben sollen. Die Absicht besteht vielmehr darin, dass sie in der Menschenkunde wurzelt. Das heißt, dass die Pädagogik und Methodik von der Entwicklung des Kindes abgelesen wird, mit der dahinter stehenden Frage: „Was brauchen unsere Kinder in dem jeweiligen Alter, um sich gesund, im besten Sinne zu freudvollen, lebenskräftigen und -bejahenden, die Welt und die Menschen liebenden, mutigen Erwachsenen entwickeln zu können?"
Die Schöpfungsgeschichte
Die biblische Geschichte führt aus der Zeitlosigkeit der Märchen- und Fabelwelt in ein erstes Geschichtsbewusstsein. In mächtigen Bildern wird der Evolutionsweg der Menschheit geschildert: Vom Gott-Getragensein (Paradies) in die irdische Vereinzelung. Und wenn die Kinder in der dritten Klasse beginnen, sich aus dem Kindheitsparadies des Ungetrenntseins vertrieben zu fühlen, haben sie intensiv erfahren, dass alles aus dem gleichen Ursprung, dem Göttlichen stammt: Die uns umgebende Natur, Kosmos und Mensch.
Die Sachkundeepochen Ackerbau, Handwerk und Hausbau
Der Schöpfungsgeschichte folgt meist unmittelbar die Ackerbauepoche: Aus dem Himmel auf die Erde vertrieben, brauchen wir als Menschen nun nicht zu verzweifeln, denn wir selbst tragen die göttliche Kraft in uns, selber wieder Neues zu schaffen und durch unserer Hände Arbeit das Feld, die Erde zu bestellen und uns aus eigener Kraft zu ernähren. Gleichzeitig ist das Eingebundensein in den Kreislauf der Natur und somit in die Welt hier besonders deutlich zu spüren, da wir auf das Wetter und die Bodenbeschaffenheiten achten müssen, um erfolgreich zu ernten.  Die Schülerinnen und Schüler pflügen selbst ein Feld, säen und ernten ihr eigenes Korn. Immer wieder wandern wir während des Schuljahres als Klasse hinaus zu unserem Feld um zu schauen, wie unser Korn wächst.
In der Handwerkerepoche wird dies weiter vertieft, da die Kinder hier auch durch eigenes Tun erleben können, wie ebenfalls aus eigener Kraft etwas geschaffen werden kann, womit wir fähig sind, uns selbst und unseren Mitmenschen das Leben auf der Erde gut einzurichten. Da wird ein „echter“ Bäcker besucht, ein Schreiner, Schmied, Schuhmacher oder ähnliches und auch gerne das ein oder andere Werkstück gefertigt. Auch hier ist der Zusammenhang mit der Welt zu erkennen - überall tauchen die vier Elemente Wasser, Feuer, Erde, Luft als Helfer für das Gelingen der menschlichen Arbeit auf.
Auch in der Hausbauepoche geht es darum das Selbstvertrauen zu stärken, dass wir uns wiederum dank unserer eigenen Arbeitskraft eine Hülle, einen Schutz schaffen können. Mehr als bisher müssen wir dazu unsere vorausplanende Gedankenkraft nutzen. Nun wird auch wieder deutlich, dass wir nicht alles alleine tun können und müssen, sondern uns absprechen und auch die Fähigkeiten jedes Einzelnen nutzen dürfen. Die Kinder erleben: Ich bin hier und kann dieses, du bist dort und kannst jenes.  In den vergangenen Jahren sind so viele Projekte von den einzelnen Klassen verwirklicht worden: von einem Spielehäuschen über den Backofen zu einer Feldschmiede und vieles mehr direkt auf dem Schulgrundstück. Aber auch außerhalb der Schule und bei den Kindern zu Hause indem Miniaturhäuser gebaut wurden; Jedes Kind hat den Prozess des Planens und dann Tätig werden selbst vollzogen.    
Die Deutsch- und Rechenepochen stärken das erwachende Ich-Bewusstsein
Hier werden die Gedankenkräfte geübt, indem die Sprache, die die Kinder schon längst täglich benutzen, nun von außen betrachtet wird. Regeln und Gesetzmäßigkeiten werden  darin gefunden. Die Kinder sind jetzt soweit, dass sie mit Spaß und Freude Strukturen entdecken können, eben weil sie einen Standpunkt, von dem aus sie etwas anschauen können, beziehen und halten können. Deshalb beginnt zu diesem Zeitpunkt auch das schriftliche Rechnen: Jetzt rechnen sie nicht mehr nur innerlich, sondern müssen sich klar machen, wie gerechnet wird, wie die einzelnen Schritte gemacht werden. Auch hier wird ein erstes Mal ein innerer Vorgang von außen betrachtet. Das genaue Umgehen mit Maßen und Gewichten dient dazu, nicht einfach willkürlich zu rechnen, zu denken, sondern an der Welt festzumachen, ja geradezu abzulesen.

Die 4. Klasse
In der 4. Klasse setzen sich die Kinder deutlicher von ihrer Umgebung ab, empfinden sich stärker als eine eigene Persönlichkeit und sehen die Erwachsenen durchaus kritischer.Dieser inneren Entwicklung folgen wir im Äußeren durch die Einführung des Bruchrechnens. Die Einheit "1" wird aufgelöst und wir lernen etwas Kleineres kennen. Bei vielen Kindern erwacht aber auch ein neuer Lerneifer und es beginnen drei arbeitsame, harmonische Schuljahre, die "Mitte der Kindheit".
An das Schulleben hat man sich gewöhnt, die Krisen der Pubertät sind noch fern. Diese Zeit gilt es zu nutzen! Als neues Fach kommt die Tierkunde hinzu. Ein anderer Schwerpunkt ist die Germanenzeit. Man beschäftigt sich mit ihren Lebensformen, den Mythen und schnitzt vielleicht die Runenschrift in ein Holz. 

Die 5. Klasse und der Beginn der Mittelstufe
Die 5. Klasse bringt uns die Pflanzenkunde und im Fach Geschichte die Alte-Kulturen-Epoche bis in die griechische Zeit. So kann man Indisch, Persisch und Griechisch rezitieren, schreiben, malen und sehr viele interessante Geschichten hören. Alles andere wird weiter gepflegt, vervollkommnet und ergänzt. Im Fachunterricht beginnen neu das Werken und das Klassenorchester.

Die 6. Klasse

Die Römer und ihre Sachlichkeit, die Fähigkeit, allgemeingültige Gesetze aufzuschreiben und durchzusetzen lernen wir in der 6. Klasse kennen. Die Kinder bewundern die moderne Stadtkultur und die Raffinessen beim Haus- und Straßenbau, während hierzulande die Kelten und Alemannen noch ganz andere Gebräuche hatten.
In den Kanon der wechselnden Hauptunterrichtsfächer reihen sich eine Gesteinskunde und eine Sternenkundeepoche ein. Letztere kann man mit einem Landschulheimaufenthalt verbinden, hat man doch da die Klasse beisammen und kann so aufregende Spaziergänge im Dunkeln unternehmen.
Zu einem der Höhepunkte des Schuljahres wird die erste Physikepoche. Dabei sucht man das eigene Beobachten zu schärfen und zu schulen, lernt exakt zu beschreiben und Gesetzmäßigkeiten zu finden. Als neue eigenständige Fächer beginnen das Malen und der Gartenbau.

Die 7. Klasse
In der 7. Klasse wird die Chemie-Epoche eingeführt, während der man versucht, dem Grundbaustein "Kohlenstoff" und dem Wirken der vier Elemente auf die Spur zu kommen.Trotz immer abwechslungsreicher werdendem Unterricht tauchen in diesem Jahr bei vielen Schülern Fragen auf, wie etwa "Ist diese Schule überhaupt die richtige für mich?" oder "Lernen wir genug?" oder bei den Eltern "Warum geben wir unser Kind auf eine Waldorfschule?".
Die Pubertät beginnt und erfordert auch von den Erziehenden (Eltern und Lehrern) neue Ansätze und Sichtweisen für die gemeinsamen Aufgaben, ehrliche Antworten und oft viel Mut und Durchhaltekraft für die eigenen Positionen. Das eigenständige Arbeiten wird vertieft und verstärkt, indem neue Aufgabenstellungen selbständig bearbeitet werden.

Die 8. Klasse
Die 8. Klasse bringt eine gewisse Abrundung. In Deutsch wurden bis jetzt alle wichtigen Regeln behandelt, das Rechnen führt man bis zu algebraischen Gleichungen und in der Geschichte versucht man, die Neuzeit - unsere Gegenwart - zu erreichen.Als eine bewährte Zusatzaufgabe hat sich an unserer Schule die so genannte "Praktische Arbeit" oder 8.-Klass-Arbeit etabliert, bei der die Schüler herausgefordert sind, entweder einen sinnvollen Gegenstand mit ihrer Hände Arbeit zu gestalten (z. B. Nähen, Schnitzen, Töpfern, Malen, Modellbau, Silberschmieden) oder sich eine Fähigkeit anzueignen und sie vorzuführen (z. B. Tanz, Aikido, ein Musikstück usw.). Die Planung und Durchführung verlangen nun schon ein recht großes Maß an Übersicht und Willenseinsatz.
Ein weiterer Höhepunkt ist für jede 8. Klasse ihr Theaterstück. Dabei versucht der Klassenlehrer ein für seine Kinder passendes Spiel auszuwählen und die Rollen nach pädagogischer Anforderung und/oder nach Talent zu verteilen. Meistens sieht man den Aufführungen kaum mehr an, wie viel Arbeit dazu notwendig war. Aber wenn schließlich das Ganze gut gelungen ist, gibt es viele glückliche Gesichter - und oft unvergessliche Erlebnisse.
Mit einer gemeinsamen Abschlussfahrt endet in der Regel die Klassenlehrerzeit und man "übergibt" die Schüler der Oberstufe. Ab dann kommt für jede Epoche ein neuer Lehrer und ein Klassenbetreuer/in begleitet die Klasse durch die Oberstufe.

Die 9. Klasse und der Beginn der Oberstufe

Das Konzept des Epochenunterrichts wird beibehalten, jedoch gibt es nun keinen Klassenlehrer mehr. In der sachorientierten Auseinandersetzung mit den Oberstufenlehrern, die ihr jeweiliges Fachgebiet vertreten, können sich die in der Klassenlehrerzeit gelegten Keime nun zu wachem Weltinteresse und bewusster Handlungsfähigkeit entfalten. Der junge Mensch will und soll aus eigener Kraft im Urteil Gesetz und Wesen der Dinge erfassen und aus eigener Entscheidung die Richtung seines Handelns bestimmen. Diese Individualisierung kann sich im jungen Menschen nur angemessen vollziehen, wenn der Lehrer nicht mehr als personale Autorität wirkt.
Die bildhafte Weltbetrachtung wird von einem Unterricht mit mehr wissenschaftlichem Charakter abgelöst: Der Schüler kann nur dann, wenn ihm etwa die Phänomene der Physik, der Chemie oder der Anthropologie, die Tatsachen der Geschichte und die Gesetzmäßigkeiten der Mathematik oder der Sprache zugänglich sind, seine geistige Tätigkeit in der Bildung von Begriffen frei entwickeln.
Für den Oberstufenlehrer besteht die Aufgabe nun vorwiegend darin, die Gegebenheiten in einer solchen Ordnung vorzuführen, dass die Schüler die Begriffe und Urteile überschaubar bilden können. Die Fähigkeit zu sachgemäßem Urteilen und Handeln kann allerdings nur dann wirklich entstehen, wenn sie sich in enger Verbindung mit seelischem und körperlichem Tätigsein vollzieht. So stellen die künstelrisch-praktischen Fächer wie auch die Praktika für die Oberstufe nicht nur eine Ergänzung, sondern eine Voraussetzung dar, um das Ziel unserer Pädagogik überhaupt erreichen zu können. In der Regel gibt es in diesem Schuljahr ein Landbaupraktikum.

Die 10. Klasse
Zwei Motive für die Arbeit in der 10. Klasse sollen hier beschrieben werden. Sowohl im Fach Deutsch, als auch in den Fremdsprachen steht die Poetik im Mittelpunkt. Während im Deutschunterricht dem Thema eine ganze Epoche gewidmet ist, greifen die Fremdsprachen das ganze Schuljahr hindurch die Geschichte der Romantik auf.Im Russischunterricht wird der Freiheitsgedanke bei Puschkin und Lermontov herausgearbeitet, im Englischunterricht ist es die soziale Frage am Beispiel von Blake, Lord Byron und anderen, die behandelt wird. Ein zweiter Schwerpunkt findet sich im Bereich der Mathematik und des handwerklichen Unterrichts. Die Arbeit in der Mathematik dieses Jahres findet einen Höhepunkt in der Feldmessepoche, in der die Schüler anhand genannter Messungen im freien Feld eine Karte zeichnen, in der die Geländeformen exakt eingezeichnet werden.Auf äußerste Genauigkeit kommt es auch in der zehnwöchigen Schreinerepoche an, in der die Schüler ein Möbelstück entwerfen und bauen, wobei sie höchste Konzentration aufwenden müssen um die einzelnen Arbeitsschritte sauber auszuführen und am Ende ein schönes, funktionsfähiges Werkstück vorweisen zu können.

Die 11. Klasse
In der elften Klasse machen die Schüler unter anderem ein Sozialpraktikum.
Weitere Inhalte folgen in Kürze.

Die 12. Klasse

 

Die Jahresarbeit in der 12. Klasse ist zweifellos ein Höhepunkt der Waldorfschulzeit, ein wirklich herausragendes Erlebnis. Ein Jahr lang hat jeder Schüler an einem Thema gearbeitet, welches in eigener Initiative nach eigenen Interessen und vermutetem Können, nach Vorlieben oder auch aus dem Impuls heraus ausgewählt wurde. Ein Lehrer begleitet die Arbeit als Mentor. Fachkunde, persönliche Beziehung oder die Art der Betreuung mögen den Ausschlag geben für die Wahl, die der Schüler zu treffen hat. Die Arbeit besteht in der Regel aus einem theoretischen und einem praktischen Teil, wobei die Gewichtung sehr unterschiedlich sein kann. Häufig erarbeitet man im praktischen Teil ein Musik- oder Theaterstück, eine Tanzperformance, einen Film oder ist auf andere Art und Weise kreativ. 
Weitere Informationen zur 12. Klasse folgen in Kürze.
Im 13. Schuljahr können die Schüler das Fachabitur oder das allgemeine Abitur machen.        

Zusammengestellt und bearbeitet von Elena Trimpop (Russischlehrerin)

Nun gilt ja das Russische allgemein hin als schwere Sprache. Und tatsächlich wird ein deutsches Kind mit seinem an der Muttersprache geschulten Sprachsinn in dem englischen Satz „this is a green apple“ unbewusst Artikel und Hilfsverb erkennen und dann durch den Anklang zum Deutschen viel leichter zu einem Verständnis kommen als bei dem russischen Satz „äta seljonoje jablako“. Aber der Gesichtspunkt Steiners war ja gerade der, dass die unterschiedlichen Anforderungen der Sprache die seelischen Fähigkeiten sich in höchst differenzierter Weise entwickeln lassen. Für diese pädagogisch also durchaus gewünschte Schwierigkeit werden wir dann zusätzlich dadurch entschädigt, dass das Russische eine sprachgeschichtlich junge Sprache ist, mit der jeder Russe viel enger verbunden ist als etwa Westeuropäer mit ihren Sprachen, und deren lebendige klangliche Fülle die Kinder unmittelbar anspricht.

Die russische Sprache wird an unserer Schule gewöhnlich ab der zweiten Klasse unterrichtet. Bis zur dritten Klasse lernen die Schüler die Sprache mündlich durch Lieder, Verse und Spiele. In dieser Zeit wird versucht, mit der Fähigkeit der Nachahmung zu arbeiten, mit der die Kinder ihre Muttersprache erlernt haben und die in den ersten Schuljahren noch nachklingt.  Es geht darum, die Kinder den Klang einer reichen, vollsaftigen Sprache erleben zu lasen, und sie so viel wie möglich mit – und nachsprechen zu lassen. Ein starkes Rhythmisieren der Sprache hilft dabei, in den Kindern den Willensbereich anzusprechen, eine deutliche Intonation regt das gefühlsmäßige Verstehen an, und sinnhafte Gesten ermöglichen es den Kindern, zu dem Gesprochenen adäquate Vorstellungen zu entwickeln.

Zum Beispiel beginnt in der zweiten (bzw. ersten) Klasse eine große und lange Reise in ein noch ganz unbekanntes Land Russland. Wir kommen in einem Dorf an, in dem ein russischer Junge Wanja mit seiner Familie lebt. Er hat sehr viele Freunde und ist auch Schüler. Alles was er lernt und erlebt sprechen wir in unseren Versen, Gedichten und singen es in  Liedern. In der dritten Klasse lernen die Kinder das russische Alphabet. Zu jedem Buchstaben gibt es einen Vers. Diese Verse werden regelmäßig gesprochen, bis die Schüler sie auswendig können. Die vierte Kasse beginnt mit dem Schreiben und Lesen der auswendig gelernten Verse. Jetzt werden Schüler bewusster mit der russischen Grammatik konfrontiert. In Mittelpunkt der Mittelstufe stehen Lesen, Schreiben, Verstehen des Textes in der Gesamtheit und Nacherzählen des Textes.   

Besonderheiten der russischen Sprache

Wenn man bedenkt, dass Rudolf Steiner bei den Menschen die Sprache an sich als "Ich-Träger", als "Träger des Ichs" bezeichnet, so kann man festhalten, dass zumindest eine sehr, sehr enge Beziehung zwischen Sprache und Ich-Entwicklung besteht.

Durch den Atmungsprozess nimmt der Mensch den Luftstrom seiner Umgebung auf und formt diesen mit Hilfe seiner Sprachorgane zu Lauten, Worten und Sätzen, welche er dann wiederum umgestaltet, d.h. in Form von Sprache an seine Umgebung zurückgibt. So wirkt Sprache über die Atmung bis ins Innerste des Menschen hinein, bis hin zur Organbildung, bis hin zum Geistig-Seelischen des Menschen.

Was zeichnet nun das Russische im Vergleich zu unseren westlichen Sprachen besonders aus? Zunächst einmal verfügt die russische Sprache über einen reichen Schatz an Lautlichkeit. Zischlaute gibt es, die einem ungeübten "westlichen" Erwachsenen nur schwer über die Lippen gehen. Unsere Sprechwerkzeuge müssen sich schon sehr anstrengen, um den Klang der russischen Sprache zu treffen. Die Zischlaute kommen sehr häufig im Wortlaut vor und sehen umschrieben folgendermaßen aus ("sch" wie in Schule; "z" wie in Journal; "c" wie in Match; "sc" wie schtsch) Das russische "R" beispielsweise ist ein Zungen-R und wird immer gerollt.

Alle Vokale gibt es in doppelter Fassung, nämlich in harter und in weicher Variante. Auf diese Weise werden die vorausgehenden Konsonanten entweder härter oder weicher ausgesprochen. Zusätzlich gibt es noch ein Härte- und ein Weichheitszeichen. Die Konsonanten werden insgesamt sehr betont, plastisch und auch sehr kräftig gesprochen, weisen aber gleichzeitig feinste innere Nuancierungen auf. So kann man versuchen sich vorzustellen, wie eine solche Vielfalt an lautlichen Ausdrucksformen sich auf die innere Entwicklung eines Kindes auswirkt. Die Kinder müssen im Russischen sehr viel Wendigkeit und Kraft aufbringen, um die russischen Laute zu ergreifen, was ihnen im Übrigen unvergleichlich leichter fällt als einem zumindest in dieser Hinsicht etwas "eingerosteten" Erwachsenen. Wenn man die russischen Worte im Einzelnen betrachtet, ist auch hier eine große Beweglichkeit in der Handhabung erforderlich. So gibt es sechs verschiedene Kasus mit jeweils verschiedenen Endungen, welche sich je nach Situation, je nach "Fall" in großer Vielfalt "gebeugt" zur Welt in ein Verhältnis setzen. Im Englischen mit seinen eher leichten und schwebenden Lauten (th, w, r) sind die Kasus vergleichsweise reduziert, man kann auch von Erstarrung sprechen. "The house" bleibt immer "the house".
Im Gegensatz zu anderen Sprachen ist das Russische eine sehr junge Sprache, die erst vor etwa 1000 Jahren mit der Christianisierung des Ostens entstand, und zwar als Altkirchen-Slawisch. Die eigentliche Schriftsprache des Volkes manifestierte sich erst im 19. Jahrhundert durch den Dichter A. S. Puskin. Aufgrund dieser Tatsache wohnt der russischen Sprache noch sehr viel Energie, eine noch junge Lebenskraft inne. Während das Englische stark verbal, das Deutsche stark substantivisch ausgerichtet ist, überwiegen im Russischen die Eigenschaftswörter.

Diese Wortart an sich beschreibt immer das individuelle Verhältnis eines Subjekts zu einem Gegenstand oder zu einer Person. Ob z.B. eine Rose als zart, duftend, rot oder stachelig beschrieben wird, hängt immer vom jeweiligen Sprecher ab, wohingegen das Substantiv "Rose" eindeutig und objektiv identifizierbar bleibt. In der russischen Sprache lebt also sehr stark das gefühlsmäßige Verhältnis des Individuums zur Welt. Genau dieses findet sich auch in den zahlreichen Verkleinerungsformen der Substantive und - für uns unvorstellbar - der Adjektive, "Milen'kij golubcik moj" kann man nur übersetzen mit "mein ganz, ganz liebes Täubchen". Auch der Satzaufbau zeichnet sich im Russischen durch größte Variabilität aus. Je nachdem, was man betonen möchte, kann man fast jedes Satzglied beliebig im Satz verteilen. Im Vergleich dazu ist die Satzordnung im Englischen wieder starr festgelegt: Subjekt - Prädikat - Objekt. Auch über die innere Bedeutung eines Wortes gelangt man zum Wesen einer Sprache und somit auch zum Wesen der Menschen, die diese Sprache täglich sprechen. Zwei Beispiele seien an dieser Stelle genannt. "Krest" bedeutet "Kreuz", "Krest'janin", der Kreuzträger heißt" der Bauer". Besonders bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass es für die Worte "Welt" und "Frieden" im Russischen nur ein Wort gibt, nämlich "Mir".

Unsere Kinder lernen diese Sprache noch über die letzten Nachahmungskräfte bereits im ersten Schuljahr. Es ist faszinierend zu beobachten, mit welcher Leichtigkeit und Unbefangenheit die Kleinsten der russischen Sprache begegnen und sie handhaben können. Erst später, etwa in der Mittelstufe, bereitet das bewusstere Erlernen der Sprache den Schülern größere Mühe und erfordert eine stärkere Willenskraft, die verschiedenen Erscheinungen der russischen Sprache in ihrer Gesamtheit wirklich zu ergreifen.